In gewissen Abständen finden sich im Rahmen von Barcamp-Ankündigungen immer wieder Menschen, die sich darüber beschweren, dass Barcamps auf gar keinen Fall Geld kosten dürfen und sich ansonsten nicht so nennen sollen. Teilweise noch konkreter in der Form: “bei Kosten in Höhe von XX dürft ihr euch aber nicht mehr „Barcamp“ nennen“. Man möchte fragen „Aber bei XX minus 20 wäre es noch OK?“ Normalerweise ärgere ich mich mehr oder weniger im Stillen über so undifferenzierte Aussagen. Vielleicht hilft es ja, ein paar Gedanken dazu aufzuschreiben.

Ich verstehe Euch. Ein bisschen.

Einerseits verstehe ich natürlich die Beweggründe einer solchen „Beschwerde“. Ursprünglich ist ein Barcamp eine absolut minimalistisch gehaltene Veranstaltung ohne thematische Ausrichtung, die jeder besuchen kann, der gerade keine andere Idee für das Wochenende hat (Achtung, Ironie!). Es gibt teilweise einen regelrechten Barcamp-Tourismus, völlig unabhängig vom Thema. Und dann muss es natürlich billig sein, eine Art Pauschal-Kurzurlaub. Ich will damit aber die grundlegende Idee von Barcamps auf gar keinen Fall abwerten – es ist ein Konzept, das in den vergangenen Jahren hervorragend funktioniert hat. Immer häufiger hört man jedoch auch Stimmen von Veranstaltern, die diese Gratis-Kultur als eher hinderlich wahrnehmen. Zudem habe ich persönlich in der Vergangenheit oft die Erfahrung gemacht, dass Teilnehmer die Ticketpreise als zu niedrig für die gebotene Qualität der (themenorientierten) Veranstaltung empfanden.

Beginnen wir mit der Definition

Ein Barcamp ist „eine offene Tagung mit offenen Workshops, deren Inhalte und Ablauf von den Teilnehmern zu Beginn der Tagung selbst entwickelt und im weiteren Verlauf gestaltet werden. Barcamps dienen dem inhaltlichen Austausch und der Diskussion, können teilweise aber auch bereits am Ende der Veranstaltung konkrete Ergebnisse vorweisen…“ (Quelle: Wikipedia). Von Geld steht da nichts! Das Konzept eines Barcamps als Solches hat also zunächst rein gar nichts mit der Art und Weise zu tun, wie die Veranstaltung finanziert wird.

Die Finanzierung und die Rolle der Sponsoren

Letzten Endes – so unangenehm das für den einen oder anderen auch klingen mag – muss aber jedes Event finanziert werden. Nicht nur die Location, das Catering, Marketing, Ticketing usw. kosten Geld. Auch die Veranstalter sind immer öfter Profis, die ihren Lebensunterhalt ganz oder teilweise von der Organisation derartiger Veranstaltungen bestreiten.
Die Finanzierung erfolgt (zumindest nehme ich das so wahr) bei eigentlich allen Barcamps zum überwiegenden Teil über Sponsoren. Dies ist nicht zwingend erforderlich, trägt aber meiner Meinung dazu bei, den Barcamp-Charakter zu fördern. Denn wenn Geld für die Teilnehmer kein limitierender Faktor ist, kann die definierte Offenheit eines Barcamps noch viel stärker zum Tragen kommen. Viele Veranstaltungen ließen sich durchaus auch ausschließlich durch Sponsorengelder finanzieren, verbinden den Ticketerwerb aber ganz bewusst trotzdem mit einer Gebühr.

Aber warum Ticketgebühren?

1. Verbindlichkeit

Die Antwort ist eigentlich recht einfach: Bezahlte Tickets schaffen Verbindlichkeit. Teilnehmer haben die berechtigte Erwartung, dass das Event auch entsprechend der Ankündigung durchgeführt wird. Die (ebenfalls berechtigte) Erwartung des Veranstalters ist sehr viel geringer: “Wenn du dich angemeldet hast, erscheine auch bitte beim Event“. Ich war kürzlich Teilnehmer eines Barcamps mit Ticketpreisen von max. 25 EUR. Die No-Show-Rate lag bei etwa 30%. Es war für die Teilnehmer also offenbar vollkommen normal, eine Zusage (denn nichts Anderes ist eine Barcamp-Anmeldung) nicht einzuhalten und ganz nebenbei 25 EUR einfach verfallen zu lassen. (Bei kostenlosen Barcamps liegt diese Rate tw. bei 50% und mehr!). Davon abgesehen, dass ich ganz persönlich eine Nicht-Teilnahme trotz Anmeldung als Respektlosigkeit ggü. den Organisatoren empfinde, die oft sehr viel Energie in das Event investiert haben, entsteht hieraus nicht zuletzt ein grundsätzliches Organisationsproblem. Sponsoren geben i.d.R. kein Geld aus, ohne eine angemessene Gegenleistung zu erhalten. Die Gegenleistung für Barcamp-Sponsoren ist Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit, Publicity. Der Veranstalter bietet im Gegenzug zur Zahlung einer Sponsoring-Summe X den direkte Zugang zu einer Anzahl Y von Teilnehmern und damit auch (bedingten, nur mittelbaren und nicht garantierten) Zugang zu deren Social-Media-Reichweite. Wenn aber nun die Hälfte der angemeldeten Teilnehmer nicht erscheint, kann der Veranstalter schlicht sein Commitment gegenüber seinen Sponsoren nicht erfüllen. Was das für die nächste Sponsoring-Anfrage bedeutet, kann sich jeder selbst denken.
Das Ziel von Ticketgebühren ist also in allererster Linie nicht die Kostendeckung, sondern vielmehr das Einfordern einer gewissen Verbindlichkeit seitens der Teilnehmer. Fair Play eben. (Anm.: Bei von uns (mit)organisierten Veranstaltungen schaffen wir im Übrigen immer höchst flexible und transparente Regelungen zur Kostenrückerstattung, sollte ein Teilnehmer sein Ticket nicht nutzen können. Fair Play auch von Seiten des Veranstalters halte ich für eine absolute Selbstverständlichkeit.)

2. Differenzierung

Nicht vergessen sollte man auch die Differenzierung der Teilnehmerschaft durch Ticketgebühren. Es geht hierbei aber natürlich nicht darum, nur Teilnehmer anziehen zu wollen, die sich ein Ticket auch leisten können. Vielmehr liegt es bspw. bei themenorientierten Barcamps im direkten Interesse der Teilnehmer selbst, sich beim Event mit Gleichgesinnten zu umgeben. Wenn ein Ticket einen “spürbaren” Betrag kostet, erscheinen einfach vorrangig die Menschen, die dem  Thema des Events eine gewisse Bedeutung beimessen. Einfaches Beispiel gefällig? Es macht bspw. für die Teilnehmer eines Barcamps zum Thema energieautonome Wohnhäuser einfach keinen Sinn, auf (zwar vermutlich durchaus interessante) Menschen zu treffen, die sich viel lieber mit veganer Ernährung beschäftigen und dort Experten sind.

Im Umkehrschluss finden sich für diese Veranstaltungen zwar tendenziell weniger Sponsoren, aber auch hier schlägt die Qualität des Sponsorings die schiere Anzahl der Partner. Bei spezifischen Barcamps sind Sponsoren oft bereit, deutlich höhere Sponsoringbeträge zu investieren, da sich hier für sie eine wesentlich bessere Möglichkeit zur Zielgruppenansprache bietet. Dies wiederum ermöglicht es dem Veranstalter, die Ticketpreise auf einem angemessen niedrigen Niveau zu halten.

Zudem werden auch und gerade in Unternehmen Veranstaltungen, die nichts oder sehr wenig kosten, oft zu unrecht als nicht werthaltig empfunden. Teilnehmer, die potenziell spannende Beiträge zum Thema des Barcamps leisten könnten, werden so nicht erreicht.

Fazit: Barcamps dürfen Geld kosten! Vielleicht sollten sie das sogar.

Ein Barcamp ist auch dann ein Barcamp, wenn der Teilnehmer für das Ticket bezahlen muss. Das schadet der Barcamp-Idee in keinster Weise. Natürlich sind insb. themenoffene Barcamps, die ausschließlich sponsorenfinanziert sind, eine tolle Sache. Ich persönlich glaube jedoch, dass die themenorientierten Barcamps gerade aufgrund ihrer Differenzierung in der Zukunft einen immer höheren Stellenwert einnehmen werden und dass dort das Erheben einer angemessenen Ticketgebühr der Veranstaltung durchaus zuträglich ist.
Dieser Beitrag wurde von meinen ehemaligen Blog unter falkschmidt.com übertragen.
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