Das neue MacBook – Innovation an der Zielgruppe vorbei?

Das neue MacBook – Innovation an der Zielgruppe vorbei?

Da ist es, das neue MacBook. Schick ist es. Noch dünner. Viel leichter. Man hat Platz gespart, “tote” Flächen am Gehäuse massiv reduziert. Alles sehr effizient. Retina Display. Gehört mittlerweile dazu. Und es verbraucht jetzt weniger Strom. ForceTouch TrackPad. Sehr schön, ein schon bisher geniales Trackpad wird weiter verbessert. Weniger Mechanik reduziert potenziell die Fehleranfälligkeit. Neue Farben gibt es, Silber, Grau und auch Gold. Gut, wer’s mag.

Aber ist wirklich “alles Gold, was glänzt” (oder eben matt schimmert)? Das Gerät ist voll von Innovationen. Gemäß der Definition. Doch sollte sich Innovation nicht zunächst einmal am Nutzer und dessen Bedarf orientierten. Nun ist Apple sicherlich ein Vertreter der Denkweise, dass der Nutzer oft gar nicht weiss, was er will, bis er es dann in der Hand hält. Stichwort iPhone. Nur, heisst dieser Erfolg, dass man danach immer davon ausgehen muss, dass der Kunde das neue Produkt schon lieben wird, wenn es dann erst einmal da ist?

Warum mögen Kunden bspw. das aktuelle MacBook Pro?

  • MagSafe. Stolpern über’s Kabel tötet nicht das MacBook. DAS war eine damals eine echte Innovation mit echtem Kundennutzen und ist es noch immer.
  • Integrierter SD-Kartenslot. Nie mehr Adapter.
  • HDMI-Anschluss. Beamer direkt anschließen. Nie mehr Adapter. (OK, ehrlicher weise trage zumindest ich immer einen VGA-Adapter mit mir herum, falls ich doch mal auf ein älteres Beamermodell treffen sollte.)
  • Thunderbolt-Anschluss. Auch so eine Innovation. Eine Standardisierung, damit die Apple-Peripherie ohne weitere Adapter passt. Und ziemlich teuer.
  • 2 USB-Abschlüsse für alles, was so kommen mag. USB, der Anschluss, der den Maßstab in Punkto Kompatibilität setzt.

Es ist mittlerweile ein Hygienefaktor, dass ein Notebook mit allen potenziellen Peripheriegeräten umgehen kann. Und das MacBook Pro (und weitgehend auch das MacBook Air) erfüllt diese Anforderung. Sicher, insbesondere das MacBook Pro könnte gern noch ein bisschen leichter sein. Und der Akku könnte noch ein bisschen länger halten. Aber mal ehrlich: gegenüber der Windows-Fraktion setzt dieses Gerät noch immer den Standard.

Und, die User mögen den leuchtenden Apfel auf dem Gehäusedeckel. Sicher, er ist “nur” ein Designelement. Aber genau das Design ist doch ein großer Teil des Apple-Erfolges und von so vielen Herstellern immer wieder gern kopiert. Ein Mac ist eben nicht nur ein wirklich gutes Arbeitsgerät. Er ist ein durchaus emotionales Produkt. Und einen Teil diese Emotionalität opfert Apple gerade der Effizienz, ohne Notwendigkeit ein noch dünneres MacBook zu bauen.

Und dann: nur noch ein Anschluss. USB-C. Für alles. Auf den ersten Blick ist das super. Sorgt es doch dafür, dass das Notebook noch dünner, noch kleiner, noch effizienter werden kann. Ein technisches Meisterwerk, könnte man meinen. Eine Innovation, keine Frage. Und durch USB-C inkompatibel zu absolut allem, was der Kunde in seinem Büro bzw. seiner Notebook-Tasche hat. Alle externen Geräte, die bisher so schön ohne Adapter direkt nutzbar waren, passen nicht mehr.

  • MagSafe? Fehlanzeige. Ein ungeschickter Stolperer könnte zukünftig also wieder mehrere 1000 EUR kosten.
  • USB-Festplatte? Nur mit Adapter. 19 EUR. Macht aber keinen Sinn, da man sich dann zwischen USB-Platte und Stromversorgung entscheiden muss. Also sollte es einer der Multiport-Adapter sein. Für 89 EUR. Ja, genau: 180 MARK. Für einen Adapter.
  • HDMI-Beamer?  Nur mit Digital-AV-Multiport-Adapter. 89 EUR.
  • VGA-Beamer? Nur mit VGA-Multiport-Adapter. Nochmal 89 EUR.
  • Das teuer gekaufte Thunderbolt-Display? Na klar, mit Adapter.
  • Das vorhandene zweite Netzteil für’s Büro? Inkompatibel. Neu kaufen für 55 EUR.
  • SD-Karte? Den USB-Adapter hatten die User ja damals weggeworfen. Das heisst dann wohl neu kaufen. Und nur mit einem der oben genannten USB-C-Adapter nutzbar.

Ja, das neue MacBook beinhaltet wieder viele Innovationen. “Form follows function” ist nicht das Apple-Prinzip. Und nicht zuletzt deshalb ist Apple so erfolgreich. Aber “function follows design whatever it takes” halte ich für keine gute Entwicklung. Und ich sage bewusst nicht “keine gute Strategie”. Denn Apple rein aufgrund seiner Marktstellung wird auch damit weiter erfolgreich sein, einfach alles zu machen, was möglich ist und den User dafür zur Kasse zu bitten.


Bild lizensiert unter CC BY 2.0 Hampton Roads Partnership
(https://www.flickr.com/photos/hamptonroadspartnership/5351622529)

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